Self

 

„Fotografie ist für mich ein Mittel, das Unsichtbare zu zeigen – das, was sich zwischen den Dingen verbirgt.“
(Francesca Woodman)

 

In meinen Selbstporträts wird Fotografie zum Spiegel innerer Prozesse. Sie verwandelt Emotionen, Spannungen und Fragmente des Unbewussten in sichtbare Formen und eröffnet Räume für Reflexion und Transformation – persönlich wie auch für die Betrachter*innen.

 

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit den Möglichkeiten der Fotografie als Medium der Selbstbefragung, Transformation und Selbstermächtigung. Mich interessiert, wie Bilder innere Landschaften sichtbar machen und Prozesse begleiten können, die über das rein Abbildhafte hinausweisen. Die Kamera wird dabei zu einem Resonanzraum: Gefühle, Spannungen, Fragmente des Unbewussten und persönliche Narrative materialisieren sich in fotografischen Bildern, die zugleich Spiegel, Projektionsfläche und Gegenüber sind.

Fotografie ist hier für mich kein neutrales Aufzeichnungsverfahren, sondern ein poetisches Medium. Sie schreibt innere Zustände ein, verhandelt das Unsichtbare im Spiel von Licht und Schatten und übersetzt das Fragile, das Unsagbare, in eine visuelle Sprache. Bilder entstehen so als Verdichtungen von Erfahrungen – nicht abgeschlossen, sondern prozessual, nicht eindeutig, sondern offen für Resonanz.

Im Zentrum steht ein experimenteller Zugang, der sich aus dem intuitiven Dialog zwischen Körper, Raum und Bildfläche entwickelt. Die Kamera wird zur Erweiterung der Sicht auf den Körper und zum Instrument performativer Selbstverortung. Spielerisch, intuitiv und wertfrei erprobe ich augenblickliche Situationen, immer im Hier und Jetzt. Dabei deckt sich, was ich fühle, nicht zwingend mit dem, was sichtbar wird: Erst im Wechselspiel von Innen und Außen eröffnen sich neue Perspektiven und Erkenntnisse.

 

Meine Selbstporträts bewegen sich zwischen performativer Geste, konzeptueller Setzung und ästhetischer Verdichtung. Sie sind Ausdruck eines Bedürfnisses, Empfindungen und innere Spannungen nach außen zu tragen – einmal in Form von Rollenbildern, einmal als theatrale Gesten, und dann wieder als stille, intime Zustände. In diesem Prozess wird das Selbstporträt zu einem Labor, in dem Verletzlichkeit, Resilienz und Identität immer wieder neu entworfen werden.
Oft arbeite ich dabei auch mit Gegenständen – spontan zufällig gewählt eröffnen sie neue Assoziationsräume, gezielt gesucht dienen sie als Resonanzkörper oder Auslöser von Erinnerungen. Ihre Bedeutung wandelt sich im Prozess – sie werden zu Stellvertretern innerer Themen, zu symbolischen Erweiterungen des Körpers.

 

So entsteht ein vielschichtiges visuelles Feld, das sowohl die eigene Suche dokumentiert als auch den Betrachter*innen einen Spiegel bietet. Die Arbeit lädt dazu ein, Fragen nach Identität, Verletzlichkeit und Selbstwahrnehmung zu behandeln. In der Resonanz mit den Bildern entsteht ein Raum, in dem persönliche Erfahrungen berührbar werden und Transformation nicht nur dargestellt, sondern erfahrbar wird.

 

Fotografie nutze ich in diese Werkserie als Instrument, Spiegel, Archiv und Resonanzraum. Sie verbindet künstlerische Ausdruckskraft mit persönlicher Entwicklung, eröffnet Wege zu Selbstakzeptanz und Selbstliebe und macht innere Prozesse sichtbar. In dieser Offenheit liegt ihr Potenzial: Sie ist kein Endpunkt, sondern ein Ausgangspunkt – ein Medium, das erlaubt, das eigene Sein zu reflektieren, neu zu entwerfen und weiterzuentwickeln.

 

„Bis du das Unbewusste bewusst machst, wird es dein Leben lenken und du wirst es Schicksal nennen.“
(C.G. Jung)

 

 

Self I Aus der Serie 064, 2023, Fotografie auf Fine Art Paper, 70 x 140 cm, Edition 1/2 +1AP


Self I Foto Wien 2025

Die Geschwister Claudia Dorninger-Lehner und Julia Dorninger beschäftigen sich in ihren künstlerischen Arbeiten mit Themen der Raumwahrnehmung und Raumaneignung. Ihre Werke hinterfragen die Körperwahrnehmung in komplexen sozialräumlichen Situationen genauso wie deren Auswirkungen auf den Lebensalltag und die Erinnerung an diese.

Self ist ein laufendes investigatives Projekt, das die Künstlerinnen bereits 2020 starteten. Vor dem Hintergrund des Embodiment-Konzepts untersuchen sie, wie die mediale Bilderflut, getragen von neuen Technologien, das eigene Körperbild beeinflusst. Die These: Digitale Bilder schreiben sich als Körperwissen in den Körper ein, reflektieren sich in der eigenen Körperwahrnehmung und manifestieren sich in Haltung und Gestik. Dies erforschen sie, indem sie ihre eigene Körperwahrnehmung hinterfragen und versuchen, diese und die damit verbundenen inneren Zustände zu visualisieren.

Welchen Einfluss nehmen Massenmedien und der permanente Konsum von Körperbildern auf die Selbstwahrnehmung?

 

Die dabei entstehenden gemeinsamen Arbeiten und Objekte vereinen ihre künstlerischen Ansätze und Techniken und können als Synthese ihrer individuellen Wahrnehmungen und Erfahrungen gelesen werden.

Ausstellungsansichten Self, 2025, Foto Wien